Kein Handy, kein Leben? Ein unfreiwilliger Selbsttest.

Wie schafft man es heutzutage noch ohne Smartphone auszukommen? Kein Facebook in der Hosentasche. Kein Vibrieren mehr, welches eine neue Nachricht ankündigt. Keine 600 Menschen mehr in der Hand die man immer erreichen kann. Unvorstellbar?

Nachdem ich die Tage mein Smartphone einer fruchtigen Marke durch einen Wasserschaden nicht mehr nutzen konnte, musste ich einen unfreiwilligen Selbsttest auf mich nehmen und schauen, wie ich ohne ein Handy in der digitalen Welt zurechtkam.

Zuerst einmal vorweg: Im ersten Moment war eine Welt zusammengebrochen. Es war viel weniger der materielle Schade, als der immaterielle, der mir Sorgen bereitete. Mein kompletter Alltag ist auf Smartphone und Computer ausgerichtet. Falls ein Puzzleteil fehlt, so muss doch das digitale Kartenhaus zusammenfallen? Genau dieser Rückgang kam schnell wie ein kalter Entzug, doch es hat mir nicht so sehr über die Woche gefehlt, wie ich es mir vorgestellt hätte. Vielmehr fehlte mir das Smartphone aus organisatorischen Gründen und nicht aus sozialen. Doch alles der Reihe nach:

Tag 1

Das war der wohl schwierigste Tag ohne Smartphone. Alleine morgens passend aus dem Bett zu kommen gestaltete sich schwierig. Ich hatte ja mein Handy als Wecker genutzt. Gott sei Dank, gab es liebe Menschen, die mich um halb sieben aus dem Bett klingeln konnten. Ganz altmodisch via Festnetz.
Dann der Weg zur Hochschule. Keine Musik auf dem Rad. Was sonst einer musikalischen Reise gleichkam, gestaltete sich nun als triste Stadtrundfahrt mit unglücklicher Endstation.
Auch der weitere Alltag war schwer. Keine Möglichkeit meine E-Mails zu checken (ich muss doch wissen, wer mir alles Werbung schickt), keinen Zugang auf den Kalender (evtl. habe ich ja doch einen vergessenen Termin beim Bundespräsidenten) und natürlich auch kein Zugriff auf meine sozialen Plattformen, wie Facebook und auch kein Zugang zu WhatsApp (wie soll ich denn sonst sozialen Kontakt pflegen?). Komischerweise traf mich das fast gar nicht. Am Abend hatte ich meinen wichtigsten Kontakten zu verstehen gegeben, dass ich seltener erreichbar bin und wenn dann nur über Facebook, da ich das auf meinem PC benutzen konnte. „Alles kein Thema“, so meine Freunde und Bekannte. Gut gut, die ersten Hürden wurden gemeister, die zittrige Hand aufgrund des Handy-Entzugs blieb aus, nur der nervöse Griff zum nicht vorhandenen Handy, den gab es wirklich.

Tag 2

Mittlerweile hatte ich mir einen Wecker organisieren können und das Wochenende kam auch schon näher. Die üblichen Probleme waren aber immer noch ansonsten dieselben. Absprachen mussten vorher getroffen werden, ansonsten war ich nicht erreichbar. Die Organisation des Tages durfte sich vom Zeitplan keine Minute verschieben, da sonst meine morgens akribisch festgelegte Ordnung aus den Fugen geraten könnte. Alles was an Sozialem anstand, konnte ich zwischendurch auf dem Notebook erledigen oder abends am PC in Ruhe mich über Facebook unterhalten. E-Mails wurden neuerdings ein Ding in meiner Kommunikationsweise. Wie praktisch die kleinen Dinger doch sein können?
Nachdem die Sozialarbeit am Abend erledigt worden war, kam eh die obligatorische „Bald ist Wochenende“-Party. Da redet man ja sogar „Face-to-Face“. Ein Handy ist also eh überflüssig, jetzt muss ich beweisen, was ich noch so an klassischen Kommunikationsweisen drauf habe. Lasst mich sagen, es lief gut. Ich konnte meinen Mund noch zum Reden benutzen und das Handy hatte ich komplett aus dem Gedächtnis verdrängt.

Tag 3

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Ohne Handy bin ich nicht? Ach was, ich schaffe das auch ohne diesen digitalen Schnick-Schnack. So dachte ich zumindest… © Huffington Post

Am nächsten verkaterten Morgen wuchs in mir der zarte Keim eines Gedanken, dass ich wohl möglich mein Smartphone kaum brauchte. Solange ich alles sehr stringent an Terminen durchziehen konnte, war alles in Ordnung. Und Telefonieren kann ich ja sowieso über das Festnetz. Nunja, wie fadenscheinig diese Gedanken sind, wird jedem Leser mit Smartphone an dieser Stelle wahrscheinlich auffallen.
Vielmehr war es nämlich so, dass ich am Ende der Woche nur noch kaum Termine habe und deswegen nicht in die Zwickmühle kam, dass mein Handy mir fehlte um spontan jemanden erreichen zu können. Es war also reines Glück, dass ich so stolz auf mich und meine avantgardistischen Gedanken sein konnte.

Tag 4-5

Das Wochenende steht da. Das Handy liegt dann sowieso meisten nur in der Ecke. Also alles kein Problem. Aber vorsichtshalber habe ich dann doch eine Reparatur für mein Gerät angefordert. Man köööönte es ja doch noch gebrauchen.

Tag 6

Es ist Montag. Immer dieser Montag. Vollgepackt mit wichtigen Uhrzeiten, Orten an denen man erscheinen muss und man nebenbei Projekte organisieren muss. Hier schlug das fehlende Smartphone mit all seiner Wucht ein. Warum kann nicht jeder Tag Samstag sein? Naja, das Leben muss ja voran gehen.
Es war also mein persönlicher Rückschlags-Tag in Puncto „Ich brauche doch gar kein Handy“-Gedanke.
Was meine Stimmung ebenfalls nicht gebessert hat: Mein Handy ist irreparabel. Schrott, ein Haufen teures Blech, ein Briefbeschwerer.
Nun, da die Hiobs-Botschaft auf mich nieder schlug, habe ich gleich in der nächsten Minute – so standhaft wie ich nun einmal bin – den Provider meines Vertrauens angerufen und sogleich ein neues Gerät zu meinem Vertrag hinzugebucht. Ach, was fühlt sich das doch gut an, nur 1000 € mehr im Monat bezahlen, aber dann doch endlich wieder im Netz mit den anderen Usern konvergieren zu können – herrlich. Endlich kann ich mich selber wieder in der digitalen Wolke verwirklichen.

Tag 7

Es sollte der letzte Tag ohne mobilem Endgerät sein. Nachdem ich den Alltag nun mehr schlecht als Recht überstanden hatte (ich wusste nicht, wann ich wo in der Hochschule sein sollte, denn der Stundenplan hatte sich geändert und niemand war in der Nähe, den ich fragen konnte), kam abends mein neues Smartphone an.
Wie ein aufgetauchtes Sakrileg vergangener Tage empfing ich es, denn meine ach so heuchlerischen Gedanken, dass ich ohne Smartphone überleben könnte, waren lächerlich.
Ich war einfach froh, schnell und einfach mit jedem wieder kommunizieren zu können und mein Gehirn und meine Organisation endlich wieder in der Cyberwolke verschwinden lassen zu können. Ein hoch auf die Technik!

Tag 8

Fassen wir das Unterfangen doch ein einem Satz zusammen: Ich bin genau wieder dort, wo ich vor ein paar Tagen angefangen habe. Ich bin ein junger Kerl, der nicht ohne sein Smartphone kann. Das Smartphone ist für mich Wecker, Sekretär, Unterhalter, Sozialminister, Aufpasser und Momentfesthalter. Ach, was ein tolles Gerät. Es ist schon schön, so schön schwach zu sein und sein Leben nicht mehr ohne Smartphone auf die Kette zubekommen.
Aber Ironie beiseite. Smartphone sind absolut klasse. Sie sind wirklich hilfreich. Dennoch habe ich gemerkt, dass richtig – so richtig, richtige – Kommunikation immer noch am besten von Angesicht zu Angesicht funktioniert. Und das kann kein Smartphone ersetzen.

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