Von der Hand in den Mund: Der Designer und sein Gehalt

Designer sind maßgeblich daran beteiligt, den Wandel der Gesellschaft mitzugestalten.
Design Thinking ist elementar in vielen Schnittstellen der Gesellschaft. Kaum eine Disziplin findet breitere Anwendung. Die Bündelung von allgemeinen Problemen und die Erarbeitung von Fragestellungen und deren Lösungsvorschläge ist die Aufgabe und Verantwortung eines jeden Designers.
Trotz dieser gesellschaftlich elementaren Arbeit scheint die Branche unzufrieden über deren Wertschätzung in der Gesellschaft, denn die Gehälter sinken und die Arbeitszeiten steigen. Ist der Kunde also nicht bereit einzusehen, wie wichtig und wertvoll Design ist oder ist das Problem eins, welches die Branche von innen zersetzt?

photo-1454165804606-c3d57bc86b40Der Tag eines Designers: Zunächst um 8 Uhr morgens in der Agentur ankommen. Dann schnell einen Kaffee aufsetzen, damit der Kreativ-Motor auf Touren gebracht wird. Nachdem man diesen fast schon genüsslich für 20 Sekunden schlürfen durfte, beginnt der Alltag eines Designers. Der Schreibtisch mit dem glänzenden High-End-PC und dem Bürostuhl, der aussieht wie aus einem Cockpit gestohlen, wird nun das neue Zuhause.

Laut der Studie „Designer und ihre Arbeit“ aus dem Jahre 2011 , arbeiten fast alle Designer mehr als 40 Stunden in der Arbeitswoche. Egal ob selbstständig oder angestellt. Auf Seiten  der Selbstständigen sind 34 % die weniger oder bis zu 40 Stunden die Woche arbeiten. Bei Angestellten sind es lediglich 26 %, die auf eine 40-Stunden-Woche hoffen dürfen.

Die Anteile die hingegen mehr als 40 Stunden arbeiten sind enorm: Bei selbstständigen Designern arbeitet jeder Dritte mehr als 50 Stunden die Woche. Bei Angestellten arbeitet bis zu jeder fünfte Designer über 50 Stunden. Dann gibt es noch 10%, die mehr als 50 Stunden pro Woche arbeiten. Ein gediegener 9-to-5 Job sieht anders aus. Nun ist die eine Seite, dass man viel arbeitet. Die andere sollte nun eigentlich sein, dass ein faires Gehalt auf den fleißigen Designer wartet.

Wenig Geld, trotz viel Arbeit

Auf dem riesigen Monitor blitzen die ersten 50 Mails auf. Die Kunden scharren ungeduldig mit den Hufen und erwarten die ersten Ergebnisse. Dass die Deadline noch in ferne liegt und es noch andere Kunden gibt, ist egal. Abliefern muss der Designer trotzdem. Nachdem die E-Mails beantwortet, die Kunden besänftigt und der Kaffee kalt geworden ist, geht die eigentliche Arbeit erst los.

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© StepStone

Leider sind Designer einer der Schlusslichter in Sachen Gehalt in Deutschland. Nach dem neuesten Gehaltsreport der Jobbörse „StepStone“  ist die Designbranche mit einem Durchschnittsgehalt von gut 40.000 Euro auf Platz fünf der Flop-Branchen der Jobbörse. Diese Zahl beinhaltet aber den Schnitt aller Branchenzugehörigen Arbeiter, sowohl studiert als auch mit Ausbildung. Platz eins belegt hierbei das Handwerk. Mit durchschnittlich 6000 € weniger pro Jahr.
Ein genauerer Blick verrät schlimmeres. Nach Deutschalnds größter Gehaltsdatenbank „Gehalt.de“ liegt der Beruf „Designer“ durchschnittlich bei nur gut 33.000 € im Jahr.

Ein Studium lohnt sich selten

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© StepStone

Nach Studiengängen ist Design sogar der vorletzte Platz der Gehaltstabelle der vergüteten Berufszweige in der Bundesrepublik. Ein Platz vor den Erziehungswissenschaften und der Sozialpädagogik.
Die Page – eines der populärsten Magazine der Design-Branche in Deutschland – liefert sehr ähnliche Zahlen. Hier wird der Berufseinsteiger als angestellter Designer mit gut 33.000€ im Jahr bemessen. Will man nun Durchschnittsgehalt 40.000 € von StepStone erklimmen, so muss man bereits laut Page zwei Karrierestufen auf die des „Art Directors“ aufgestiegen sein. Ein Beruf mit vielen Jahren Berufserfahrung als Voraussetzung. Was all diese Zahlen deutlich machen, ist, dass Designer viel arbeiten und wenig verdienen.

In einem Kommentar eines Gestalters auf dem Design-Blog „Designtagebuch“ heißt es: „Als Selbständiger (Designer, A. d. R.) arbeite ich für eigene Kunden oder auch als Freelancer für Agenturen. Leider ist die Bezahlung oft unterirdisch. Bei Hoffnung auf Folgeaufträgen sage ich zu, sonst muss ich sehr oft ablehnen. Aber irgendjemand macht den Auftrag für das Geld. Gottseidank ist meine Frau verbeamtet. Sonst könnten wir nicht zwei Kinder haben.“ Die Frage die sich nach diesen Zahlen abzeichnet: Wie kann es dazu kommen, dass eine ganze Branche am Hungertuch leidet und dabei noch so viel arbeiten darf?

Für den Gestalter geht es derweil um Kopf und Kragen. Ein Bild soll freigestellt werden und gleichzeitig soll man doch noch ein Meeting wahrnehmen und nebenbei noch an zwei verschiedenen Projekten teilnehmen, die für sich schon den gesamten Arbeitstag in Anspruch nehmen könnten. Wer sich nun bloß dreiteilen könnte… Kaum hat man auf die Uhr geschaut, ist es schon 13 Uhr. Mittagessen? Kostet zu viel Zeit – lieber weiter arbeiten. Der nächste Kunde ruft ja auch eh sofort wieder an.

„Uns wird die Liebe zur Gestaltung zum Verhängnis.“

Im Interview mit der selbständigen Designerin Léa Zier wurde diese Problematik beleuchtet. Für sie ist die Grundlage des Problems zweiseitig:
„Zum einen existieren natürlich übermäßig viele Designer im Verhältnis zu Stellenangeboten, zum anderen ist unser Beruf nicht geschützt und es gibt auch keinen Tarifvertrag, wie in den meisten anderen Berufen“, so Zier. Vor allen Dingen macht dieses Übermaß an Gestaltern es schwierig, vernünftige Arbeitsbedingungen zu integrieren. „Das führt unterm Strich dazu, dass man den Lohn der Gestalter stark drücken kann. Die meisten wissen, dass es draußen genug Gestalter gibt, die den eigenen Job zu schlechteren Bedingungen annehmen würden“, so Zier. Design ist also zu einer Branche verkommen, in der der Gestalter von der Hand in den Mund lebt und froh sein kann, dass er einen Job hat.

Laienarbeit drückt den Lohn der Experten

Dass man nun „den unglaublichen Wunsch nach einem Job zu äußert, der außerdem noch angemessen bezahlt wird“, so Zier, „trauen sich die meisten Gestalter nicht zu.“ Diese Schlussfolgerung ist mehr als verständlich, wenn man die Branche verschärft betrachtet. Der Wunsch nach dem Optimum seitens der Kunden ist überall und in jeder Branche gegeben und prinzipiell logisch. Jeder möchte sparen wo er kann.

Achim Schaffrina, selbst Designer und Betreiber Design-Blogs „Designtagebuch“, bestätigt weiterhin, dass der Konkurrenzdruck in der Branche steigt. Er sieht ein weiteres Problem in den Crowdsourcing Angeboten. Diese sorgen dafür, dass „ der Konkurrenzdruck mit Crowdsourcing-Angeboten heutzutage sicherlich größer sei, als noch vor zehn/fünfzehn Jahren.“ Das Ergebnis des Wettbewerbs ist laut Schaffrina ähnlich negativ, wie es Zier bereits sieht. Laut ihm sei der über den Preis geführten Wettbewerb, ein Wettbewerb, den man als selbständiger Gestalter oder als Agentur nur verlieren könne.

Was jedoch den Unterschied ausmacht, ist, dass der Beruf des Gestalters nicht geschützt ist und so Laien in den Arbeitsmarkt drängen. Laut Zier kann sich „die Gesellschaft häufig unter der Arbeit eines Gestalters zu wenig vorstellen und geht deshalb davon aus, dass auch Bekannte mit latenten Photoshop-Kenntnissen das hinbekommen. Das ist dann natürlich billiger“. Neben diesem logischen, aber oft zu negativen Ergebnissen führenden Sparsamkeitswillen, lebt der Kunde vor allen Dingen seine eigenen Vorstellungen aus. Und Genau dieser Unwille, die Expertise eines Gestalters anzuerkennen, liegt in der Verantwortung des Kunden. Falls der Motor des Autos nicht mehr anspringt, lässt man auch den Meister in der Werkstatt die Reparatur durchführen, anstatt seinen Nachbarn, der hier und da an der Mofa bastelt, um Hilfe zu bitten. Wieso also nicht auch bei Designfragen, die genau so von Fachkenntnis und Erfahrung eines Designers profitieren, wie es der kaputte Motor eines Autos tut?

Hier ist der Gestalter sowie die Politik gefragt. Laut Zier müsse sich zunächst die eigene Einstellung der Gestalter ändern. Denn solange sie die Arbeit als Hobby ansähen, würde auch die Gesellschaft bzw. der Kunde das so annehmen. Es geht also um das Selbstverständnis des Gestalters, sich als professionelle Experten zu präsentieren und zu verstehen und demnach auch professionell mit Projekten umzugehen. Denn laut Zier arbeiten Gestalter oft nur für das Ansehen und streben nach Projekten, in denen sie sich ausleben können. Sie müssen also Mut beweisen, den angestrebten Gehalt zu verlangen. „Das könnte natürlich am Anfang das ein oder andere Projekt kosten. Wenn aber alle endlich auf den Wert ihrer Arbeit bestehen würden, könnte der Kunde oder Arbeitgeber niemanden finden, der für einen Hungerlohn oder gar umsonst arbeitet. Das wäre ein Selbstläufer“, lautet Ziers Schlussfolgerung.

Hochschulen sind gefordert

Achim Schaffrina geht in seiner Schlussfolgerung noch einen Schritt weiter. Zwar besteht für ihn die Notwendigkeit, nach besseren Mehrwerten, die von Designern transportiert werden. „Hier gilt es sich bewusst als Anbieter zu positionieren, der für Qualität, direkte Kommunikation und Verlässlichkeit steht“. Aber es sind auch die Hochschulen und Schulen gefragt, die die Ausbildung und damit das Grundwissen eines Designers bereitstellen. Laut Schaffrina finde Designkritik im Rahmen einer Ausbildung kaum statt. Deshalb sei für ihn die Konsequenz, dass es Gestaltern schwer falle, mit einem überzeugenden Entwurf auch überzeugende Argumente zu liefern. Und das führt dazu, dass sachbezogene Kritik auf das Gestaltungsergebnis eine Kritik wird, die nicht mehr zwischen Arbeit und Person differenziert werden kann.

Nachdem nun die erste Panikattacke überlebt und der zweite Kaffee eingeschenkt worden ist, darf der Gestalter wieder das tun, was er am liebsten macht: Für sich arbeiten. Das bedeutet Ideen ausarbeiten, Konzepte anfertigen und Skizzen reinzeichnen. Der Kunde kann ihm dort nicht hineinreden und so soll es sein. Aber da kommt schon der Creative Director um die Ecke, der mit den nächsten Korrekturen des letzten Konzeptes winkt. Dieser Typ im Anzug muss auch zu allem seine Meinung haben.

Der Begriff Design benötigt Schutz

Die andere Seite der Medaille ist der Schutz des Begriffes Design seitens der Politik. Zurzeit darf beispielsweise jedes Nagel-Studio den Begriff Design im Ladennamen verwenden. Das Design immer noch so positiv aufgefasst wird, dass Design-fremde Branchen den Begriff verwenden ist prinzipiell gut. Dennoch ist das Handwerk eines Nagelstudios aber nicht mit dem eines Designers zu vergleichen. Vielmehr sollte die Politik den Begriff schützen lassen und eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Studium verlangen, bevor man für Kunden oder Agenturen tätig werden darf und die Bezeichnung Designer tragen darf. Diese Schutzmaßnahme würde weiterhin das Selbstverständnis des Designers selbst und in der Gesellschaft verstärken und dafür sorgen, dass Design-Arbeit gerechter entlohnt geschätzt wird.

Ein Blick auf die Uhr verrät das, was man bereits erahnt hat. Es ist schon wieder 19:33 Uhr. Man möchte doch noch Sport betreiben und etwas Fußball schauen. Egal. Lieber nach Hause und ausruhen. Morgen ist bestimmt wieder ein stressiger Tag.

Was denkt Ihr über dieses Thema? Habt ihr vielleicht bereits ähnliche Erfahrungen gemacht?
Schreibt ein Kommentar und lasst uns daran teilhaben!

Ich danke Léa Zier recht herzlich für das Interview. Ihre Website: www.leazier.de
Ebenfalls geht ein herzliches Dankeschön an Achim Schaffrina von http://www.designtagebuch.de

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